ARBE Attuale

«Schicksale gehen nicht spurlos an einem vorbei»

235 Einsätze in 365 Tagen. Einsatzmässig war 2018 ein Rekordjahr für die Alpine Rettung Bern (ARBE). Im Interview erörtert ihr Präsident, der Grindelwalder Christian Brawand, die möglichen Gründe hierfür und gibt einen Einblick in seine Tätigkeit.

Die Berner Bergretter blicken auf ein ereignisreiches Jahr zurück. Insgesamt rückten die Einsatzkräfte der 16 ARBE-Rettungsstationen 235 Mal aus. Ganze 60 Prozent öfter als im Vorjahr und so oft wie noch nie. Allein von Grindelwald und von Kandersteg aus sowie im Oberhasli wurden 83 Einsätze geleistet. Die Einsatztätigkeit war breit gefächert. über die Hälfte der ARBE-Rettungen fanden für in Not geratene Bergsteiger und Wanderer statt. Aber auch Gleitschirmflieger mussten vermehrt gerettet werden. Auffallend ist, dass die Einsätze der Rettungshelikopter stark zugenommen haben, im Vergleich zum Vorjahr gar ums Dreifache.


Der Grindelwalder Hotelier und Bergretter Christian Brawand steht der ARBE seit 2004 als Präsident vor. Nächstes Jahr gibt er dieses Amt ab. Die Nachfolge soll im Verlauf der nächsten Monate bestimmt werden. Brawand will auch künftig der ARBE als Rettungsspezialist zur Verfügung stehen. Im Interview lässt der 51-Jährige das vergangene ARBE-Einsatzjahr Revue passieren, liefert mögliche Erklärungen für die Einsatzzunahme und wirft einen Blick in die Zukunft der Alpinen Rettung.

Welchen Stellenwert nimmt die Alpine Rettung im Berner Oberland ein?
Christian Brawand: Unter der Bevölkerung geniesst die Alpine Rettung ein sehr hohes Ansehen. Wir Bergretter spüren eine grosse Dankbarkeit für diese Organisation, sowohl in den Bergregionen als auch auf dem Talboden. Wir geniessen einen guten Ruf.

Wie werden die Bergretter wahrgenommen?
Seitdem wir in einheitlicher gelb-schwarzer Uniform unterwegs sind, nimmt man uns sicherlich noch mehr als professionelle Organisation wahr. Die Alpine Rettung wird zur Marke. Die Bevölkerung interessiert sich für unsere Arbeit, nimmt aber auch aufrichtig Anteil an den einzelnen Schicksalen.

Wie wichtig ist dieses Renommee für die Bergretter?

Das nimmt einen kleinen Stellenwert ein. Die meisten Bergretter machen ihre Arbeit aber nicht des Prestiges wegen. Das wäre sogar falsch. Als Bergretter erlebt man sicherlich Spezielles. Die Abwicklung einzelner Einsatzverfahren sind weltweit sogar einmalig. Es ist ein Privileg, Bergretter zu sein.

Das öffentliche und mediale Interesse an der Alpinen Rettung ist gross. Kann dies bei einem Einsatz auch zum Verhängnis werden?
Es stellt sich immer wieder die Frage, wie viel und was wir preisgeben wollen und dürfen. Uns ist klar, dass das mediale Interesse stetig steigt. Auch im Zuge der sozialen Medien. Die Bevölkerung hat ein Bedürfnis und sicherlich auch Recht auf Informationen. Dieses soll aber nicht auf chauvinistische Art gedeckt werden. Die jüngere Generation hat durchaus ein ganz anderes Medienverständnis und muss hie und da in die Schranken gewiesen werden.

Als Grindelwalder, wann sind Sie zum ersten Mal mit der Bergrettung in Berührung gekommen?
Bereits in der Schulzeit bin ich den Bergrettern im Dorf an den Lippen gehangen und habe genau mitverfolgt, was sie zu erzählen hatten. Konkret wurde die Ausbildung für mich, als junger Bergführeraspirant, 18-, 19-jährig. Das dürfte für viele meiner Kollegen nicht anders gewesen sein.

Wer sind die Berner Oberländer Bergretter?
Den typischen Bergretter gibt es nicht. Wir sind eine bunt gemischte Truppe aus allen Berufsgattungen. Wir sind Praktiker, Allrounder, die psychisch stark sind, sicherlich gerne helfen und sich gerne in der Bergwelt bewegen. Das sind unter anderem Eigenschaften, welche angeeignet werden können und mit laufender Erfahrung auch geschärft werden.

Kämpft die Alpine Rettung mit Nachwuchsschwierigkeiten?
Das ist von Station zu Station verschieden. Bergretter fallen nicht vom Himmel. Die jungen Leute sind heutzutage stark im Alltag, familiär und beruflich eingebunden. Dennoch haben wir durchaus Chancen, mit unserem Produkt und unserer Aufgabe junge Menschen nach wie vor zu begeistern.

Wie gelingt dies?

Mit einem guten Fundament und der Bereitschaft, Kompetenzen rechtzeitig abzugeben. Am Beispiel Grindelwald zeigt sich, dass wir sehr viele Spezialisteneinsätze durchführen. Es ist wichtig, dass wir den jungen Bergrettern nach entsprechender Ausbildung die Chance geben, bei diesen Einsätzen mit dabei zu sein und ihnen eine entsprechende Arbeit zu geben.

Ist die Alpine Rettung nach wie vor eine Männerdomäne?

Die Frauenquote in der Alpinen Bergrettung ist wahrlich sehr tief. Bei den Rettungsspezialisten haben wir keine Frauen. Bei den alpinen Rettungshundeführern dafür etwas mehr. Ich denke, dass es eine Frage der Zeit ist, bis mehr Frauen bei der Alpinen Rettung beteiligt sind. Sowohl die Ausbildungsmöglichkeiten aber auch die technischen Hilfsmittel werden hierfür zugute kommen.

Die Einsatzabwicklung in der Alpinen Rettung Schweiz ist weltweit einmalig. Wie läuft ein Einsatzablauf aus der Sicht des Bergretters ab?
Der Pager geht ab, der Puls steigt. Ein Telefonat mit der Einsatzzentrale Zürich liefert die ersten nötigen Informationen zum Einsatz. Innert kürzester Zeit holt der Helikopter mit Arzt und Rettungssanitäter den verantwortlichen Bergretter zu Hause ab. In der Luft diskutiert man bereits das Einsatzverfahren. Nach einem ersten Augenschein werden die entsprechenden Entscheide gefällt. In der Regel ist man innert zwanzig Minuten mit einer Crew vor Ort am Retten. Bei einem Lawinenunglück werden so schnell wie möglich sämtliche vor Ort verfügbaren Kräfte eingesetzt, vom Pistenpatrouilleur bis zum Skilehrer.

Wann kehrt ein Bergretter um?
Wetter- oder temperaturbedingt kann dies vorkommen. Das sind jeweils sehr schwierige Entscheide. Das Risikomanagement kommt zum Zug. Wenn es um Leben und Tod geht, erhöhen die Bergretter eventuell ihre Risikobereitschaft im Rahmen des Möglichen.

Wie verkraftet man diese Arbeit auf längere Zeit?
Trotz Routine und Erfahrung ist jeder Einsatz speziell. Die verschiedenen Schicksale gehen nicht spurlos an einem vorbei. Die Kollegialität unter den Bergrettern hilft, einzelne Ereignisse besser zu verarbeiten. Hilfreich ist sicherlich auch, dass man als Bergretter die vorgekommenen Unfallhergänge ziemlich gut nachvollziehen und rekonstruieren kann. Schuld war beispielsweise ein Fehltritt oder ein überraschender Wettereinbruch. Und auch die Gewissheit, dass sich die meisten Alpinisten durchaus der Risiken, denen sie sich aussetzen, bewusst sind, hilft. Diesbezüglich dürfte für einen Strassenretter die Einsatzverarbeitung schwieriger sein.

Der Dank?
Der Dank ist meistens nonverbal, und das reicht.

Wie setzt sich die Finanzierung der Alpinen Rettung Bern zusammen?
Wir sind in der glücklichen Lage, nicht auf Sponsorensuche zu sein. Das ist eine sehr angenehme Situation und erleichtert uns die Arbeit. Mit dem Kanton besteht eine Leistungsvereinbarung. Er bezahlt jährlich 221'000 Franken an die Bergrettung. Damit unterstützt er unter anderem die Kosten für die Aus- und Weiterbildung der Rettungsleute, die materielle Einsatzbereitschaft sowie die Sicherstellung der Alarmierung. Mit der Rega haben wir zusätzlich einen verlässlichen und guten Partner.

Dann muss die Alpine Rettung in Bern nicht mehr lobbyieren?
Der Grosse Rat hat 2015 die neue Leistungsvereinbarung einstimmig angenommen. Dies zeigt, dass die Alpine Rettung Bern auf grosse politische Unterstützung zählen darf. Es ist eine rundum gute Situation, wie sie heute ist.

Was wäre, wenn es die Alpine Rettung Bern nicht gäbe?
Dann würde es eine Profiorganisation machen. Die Helikoptereinsätze wären sicher abdeckbar. Wenn es aber zu einem grösseren Lawinenunglück käme, müsste man die Rettungskräfte der Feuerwehren, der Armee oder der Polizei in Anspruch nehmen. Eine derartige Reorganisation der Alpinen Rettung kostete sicher ein Zehnfaches. Die Alpine Rettung Bern basiert auf Freiwilligenarbeit. Bezahlt wird einzig die Einsatzzeit und ein Teil der Ausbildung.

Den Sparhahn bekommt aber auch die Alpine Rettung Bern zu spüren. In Grindelwald beispielsweise ist die Ambulanz nicht mehr immer vor Ort. Mit welchen Auswirkungen?
Die Helikopterorganisationen kommen deswegen sicher vermehrt zum Einsatz. Zusätzlich sind wir dabei, unsere Rettungskräfte als First Responder auszubilden, um die Zeit bis zum Abtransport zu überbrücken.


Die Wogen zwischen den Helikopterunternehmen im Berner Oberland sind geglättet. Wie hinderlich waren die Streitigkeiten für die Einsatzkräfte der Alpinen Rettung Bern?
Das war nicht einfach, zeitweise gar belastend. Es gab vereinzelt brenzlige Situationen, und wir hätten gerne früher vorwärts geschaut. Mittlerweile ist es eine partnerschaftliche Situation. Die Lage hat sich entspannt. Es kam sogar vor, dass eine Regamaschine in Lauterbrunnen Pikett stand, als der Lauterbrunner Rettungsheli längere Zeit in Sion gebraucht wurde. Der Prozess brauchte einfach seine Zeit – und vielleicht auch andere Köpfe.

Brachte sich die Alpine Rettung Bern aktiv in die Diskussion mit ein?
Wir brachten unsere Gedanken und Anliegen in der Kommission für Rettungswesen mit ein. Es war wichtig, dass wir uns an der Lösungsfindung mitbeteiligen.

Die Helikoptereinsätze nahmen im letzten Einsatzjahr gegenüber dem Vorjahr fast ums Dreifache von 52 auf 148 zu. Wie erklären Sie sich das?
Dank den technischen Hilfsmitteln, die den Alpinisten und Pistenrettungsdiensten heute zur Verfügung stehen, ist ein Helikopter einfacher alarmierbar. Das Hemmnis, einen Helikopter zu bestellen, ist sicher kleiner geworden. Diese Entwicklung wird in den kommenden Jahren sicherlich noch zunehmen.

Steht es ausser Frage, dass die Helikopterorganisationen im Berner Oberland die Bergrettung alleine durchführen könnten?
Im Wallis funktioniert dies. Die Air-Glaciers beispielsweise stellt dort Rettungsspezialisten im Maison du Sauvetage das ganze Jahr über an. Im Berner Oberland ist die Bergrettung aber sehr stark und breit unter der Bevölkerung verankert. Es besteht kein Graben zwischen Bodenretter und Spezialist.

Einsatzmässig blickt die Alpine Rettung Bern auf ein Rekordjahr zurück. Die Berner Retter leisteten 235 Einsätze. So viele wie noch nie. Wird die Kurve weiter ansteigen?
Saisonal oder wettermässig kann es durchaus ein ruhigeres Jahr geben. Wenn man die Entwicklung aber auf längere Sicht betrachtet, wird die Einsatzkurve weiterhin steigen.

Aus welchem Grund?
Die Bewegungsfreude der Freizeitgesellschaft aber auch die Alarmierungsmöglichkeiten nehmen zu.

Die Risikobereitschaft auch?

Grundsätzlich glaube ich nicht, dass der Respekt vor der Bergwelt abgenommen hat. Im Wintersport, vielleicht durch die Verbreitung von Freeridervideos in den sozialen Medien, liegt die Hemmschwelle aber immer noch tiefer als im Sommeralpinismus.

Wie blickt die Alpine Rettung Bern in die Zukunft?
Wir sind gut aufgestellt und auf Kurs. Nichtsdestotrotz müssen wir immer wachsam bleiben, wie sich die neuen Technologien entwickeln. Technisch geht immer mehr, wie es scheint. Schlechtwetter- oder Nachteinsätze sind heute machbar. Ich tendiere für eine defensivere Haltung. Jede noch so moderne Technologie ist auch fehlbar und darf nicht blind vertraut werden.

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Viel Arbeit für die Berner Bergretter

Der Bund, Dienstag 19. März 2019 20:13 von Carole Güggi

Immer mehr Menschen zieht es in die Höhe. Noch nie brauchten deshalb so viele Berggänger Hilfe wie im Jahr 2018. Gegenüber dem Vorjahr gab es 60 Prozent mehr Rettungseinsätze.


Es ist ein Rekord, der Böses erahnen lässt: Für das Jahr 2018 verzeichnet die Alpine Rettung Bern (Arbe) 235 Einsätze – so viele wie noch nie. Die Steigerung gegenüber dem Vorjahr beträgt 60 Prozent. Häufig endeten die Vorfälle glimpflich, in 21 Fällen aber tödlich. 2017 waren es noch 11 Todesfälle.
Arbe-Sekretär Reto Trachsel hat eine Erklärung für die Unfall-Zunahme in den Berner Alpen. Und die ist so simpel wie einleuchtend: «Das liegt am warmen Sommer», sagt er. Ist das Wetter gut, sind mehr Leute unterwegs, beispielsweise beim Wandern. Dabei besteht die Gefahr zu stürzen. Laut Trachsel die häufigste Unfallursache.

Die eigenen Grenzen kennen

Fehlt es den Unfallopfern schlicht an Erfahrung oder geeigneter Ausrüstung? Beides verneint Trachsel. «Die Leute sind grundsätzlich gut ausgerüstet.» Und es treffe bisweilen auch erfahrene Berggänger. Das Problem liege eher bei der Selbstüberschätzung, die dazu führen könne, dass sich jemand in eine gefährliche Lage begebe.
Als wenig risikoscheu gelten Gleitschirmflieger. Auch sie nutzten den sonnigen Sommer rege – was sich auch in der Unfallstatistik mit einer deutlichen Steigerung bemerkbar macht. Dabei kommt es – glücklicherweise – seltener zu Todesfällen, als man annehmen würde. «Die Gleitschirmflieger landen häufig in Bäumen, um einen Aufprall zu vermeiden», sagt Trachsel. Dabei sind es die Bergretter der Arbe, die die Unfallopfer aus den Ästen bergen.
Ebenfalls zugenommen haben Einsätze mit Helikoptern. 148 der 235 Einsätze wurden mit dem Helikopter unterstützt – das ist mehr als die Hälfte.

Schweizweiter Trend

Das Rekordjahr beschränkt sich nicht nur auf die Region Bern. Die Zahlen des Schweizer Alpen-Clubs (SAC) zeigen eine deutliche Zunahme an Bergnotfällen landesweit. 3211 Bergrettungen wurden im vergangenen Jahr verzeichnet – 500 mehr als im Jahr zuvor. Ueli Mosimann, der für den SAC die Statistik erhebt, kann dennoch teilweise entwarnen: «In den meisten Fällen handelt es sich nur um Alarmierungen wegen Blockierungen.»
Von einer Blockierung spricht man, wenn beispielsweise eine Person auf einer Wanderung nicht mehr weiter kommt, weil der Weg zu steil ist. «Durch das gut ausgebaute Handynetz erreichen Betroffene die Bergretter rascher», sagt Mosimann. Zudem erkläre sich die hohe Anzahl Rettungen mit dem generellen Phänomen, dass immer mehr Menschen in den Bergen unterwegs sind.

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